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Wie ich lernte, die Privatsphäre meines Kindes zu wahren

Wie ich lernte, die Privatsphäre meines Kindes zu wahren

Melina (5) drückt von Innen gegen ihre Zimmertür, Freddie (3) und Bosse (1) von Außen. Es ist kein witziges Jungs gegen Mädchen Spiel, nein es ist ein Geschwisterkampf, wie er mehrfach am Tag stattfindet. Die Jungs wollen rein und mit Melina und ihren Sachen spielen. Melina will die Tür am liebsten immer zu lassen, sie will ihre Ruhe oder mit Lego spielen und hat Angst, dass Freddie und Bosse es kaputt machen. Und ich? Ich stehe daneben und versuche zu vermitteln.

Mal kann ich die Jungs mit etwas ablenken, mal bitte ich Melina sie rein zulassen und verspreche ihr, ihr später beim Aufräumen zu helfen. Ärgern die Jungs sie, müssen sie gehen. So die Regel. Doch es funktionierte nicht. Es bleibt ein täglicher Kampf.

„Die Privatsphäre deiner Tochter geht vor“

Und dann ging ich auf eine Lesung vom Gewünschtesten Wunschkind. Katja stellte aber nicht nur ihr neues Buch vor, sondern gab auch den Zuschauern die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Und so skizzierte ich ihr die obige Szene und ihr Urteil war da recht eindeutig: „Die Privatsphäre deiner Tochter geht vor.“ Uff, das saß. Innerlich zählte ich, wie oft ich ihr die schon genommen habe. Zu oft. Eindeutig.

Wahrscheinlich sah sie mir genau das an und beschrieb eine ähnliche Szene aus ihrem Familienleben und wie sie es handhabt beziehungsweise was meine Aufgabe in der Situation ist. Melinas Wunsch nach Privatsphäre akzeptieren und den Frust der Jungs begleiten. Wobei das für mich auch heißt: aushalten – und zwar das Weinen und Wüten der Jungs, die dann nicht rein dürfen.

Ich füllte also das Schokoladenfach im Kühlschrank auf, machte mir direkt nach dem Nachhausekommen am nächsten Tag einen XXL-Kaffee und wartete. Nicht lange. Denn da war er wieder, der Jeder-drückt-gegen-die-Tür-Moment. Ich erinnerte mich an Katjas Worte, fragte Melina was sie wollte: “Alleine sein.” Ich nahm die Jungs mit ins Wohnzimmer. Bosse tragend, das war einfach, Freddie bat ich an, ein Spiel mit ihm zu spielen oder ein Buch zu lesen. Er nahm es sofort an, auch das war einfach. Zu einfach. Ich wurde ehrlich gesagt etwas misstrauisch.

Streit unter Geschwistern – welches Bedürfnis zählt?

Nach einer Weile, die Zeit habe ich nicht so im Blick gehabt, kam Melina und fragte, ob Bosse und Freddie nicht lieber mit ihr spielen wollen? Der eine rannte sofort los, der andere krabbelte juchzend hinterher. Ich blieb noch einen Moment sitzen, trank meinen Kaffee und aß Schokolade. Vor lauter spielen kam ich nämlich noch gar nicht dazu.

Ich habe mit dem Post bewusst ein paar Wochen gewartet, weil ich schauen wollte, wie sich die Situation entwickelt. Jetzt kann ich sagen: Es blieb so. Seit dem Melina entscheidet, wer wann in ihr Zimmer darf, ist die Tür meistens offen. Sie bittet mich wenn überhaupt Bosse raus zu holen. Er stört sie beim Legobauen oder Puzzeln. Freddie jedoch darf nahezu immer rein, er war also gar nicht das Problem.

Fazit: Das Bedürfnis von Melina war in der Streit-Situation am wichtigsten. Weil dieses befriedigt wurde und sie somit selber entscheiden konnte, war ihr die geschlossene Tür gar nicht mehr so wichtig. Für Freddie ist das Akzeptieren der geschlossenen Tür nun auch einfacher, weil er weiß, dass Melina sie auch wieder für ihn öffnet.



6 thoughts on “Wie ich lernte, die Privatsphäre meines Kindes zu wahren”

  • Huhu ,
    oh ja die Situation kommt mir bekannt vor und sie ist wirklich nicht immer leicht zu lösen. Aber wir regeln es auch so: möchte einer alleine sein, darf er die Tür schließen und dann wieder einladen. Der Wohnbereich ist für alle gemeinsam, die Zimmer zum alleine spielen. Dies geht Kindern Regel ganz gut, so lange nicht einer alleine und der andere mit dem nun genau spielen möchte und nicht mit mir…
    Lg

    • Ja, so machen wir es jetzt auch. Dachte aber lange, dass man immer einen Kompromiss finden müsste. So lebt es sich jetzt aber besser – zur eigenen Überraschung für alle.

  • Liebe Jette, wir haben hier eine ganz ähnliche Situation – einzig mit dem Unterschied, dass beide sich ein Zimmer teilen müssen. So sehr ich deine Argumentation nachvollziehen kann, weiß ich nicht, wie ich das handhaben soll. Ich kann den kurzen ja nicht aus seinem Zimmer aussperren oder verlangen, dass er seine Spielsachen ins Wohnzimmer bringt?
    Oder wie wirst du es handhaben, wenn der Streit zwischen Freddie und Bosse losgeht?
    Liebe Grüße,
    Alessandra

    • Eine gute Frage. Ich denke, dass der Wunsch nach Tür zu nicht aufkommen wird – da sie sich das Zimmer ja teilen. Der Wunsch nach Privatsphäre hingegen schon. Vielleicht hilft das Einrichten getrennter Ecken in einem Zimmer? Ich habe mir da ehrlich gesagt noch keine Gedanken drüber gemacht. Wir hätten den Platz für zwei Hochbetten, so das jeder da drunter seinen Bereich hätte – meinetwegen auch mit Vorhang. Wie löst du es denn bisher?

      • Derzeit versuche ich Kompromisse zu finden und die große für die Perspektive des Kurzen zu sensibilisieren. Ein Vorhang unter dem Hochbett wurde auch schonmal überlegt… aber bis jetzt noch nicht umgesetzt… vielleicht ist das aber die Lösung.

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