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Motzmittwoch: Ist man „unverschämt“, wenn man während der Elternzeit verreist?

Motzmittwoch: Ist man „unverschämt“, wenn man während der Elternzeit verreist?

Der Artikel „Elterngeld ist kein staatlich gesponsertes Urlaubsgeld“ auf sueddeutsche.de vor ein paar Tagen hat mich sauer gemacht. Für die Autorin Kerstin Lottritz sind Eltern, die vom Elterngeld während der Elternzeit in den Urlaub fahren, „unverschämt“. Väter sollten die Frauen lieber beim Wiedereinstieg in den Job unterstützen, statt mit ihr und Kind die Koffer zu packen und zu verreisen. Das Elterngeld sei dafür nicht gedacht, so Lottritz. Doch ist dem wirklich so?

Der Staat zahlt Elterngeld –  als Unterstützung, die nicht zweckgebunden ist. Diese Zahlung mit dem Wort „unverschämt“ zu belegen, finde ich anmaßend. Entscheidet sich der Vater für eine bestimmte Zeit statt am Schreibtisch am Wickeltisch zu stehen, sollte es meiner Meinung nach keine Rolle spielen, wo dieser Wickeltisch steht. Jede Familie darf frei entscheiden, wo sie sich wie und mit wem aufhält. Die Zeit mit den Liebsten ist kostbar und bedarf keiner Wertung.

Nachteil für Geringverdiener beim Elterngeld

Richtig ist hingegen, dass meist nur Besserverdiener während der Elternzeit verreisen können, da das Geld prozentual ans Gehalt gekoppelt ist. Geringverdiener können von der Summe meist nur sehr  knapp ihre Fixkosten decken. Vielleicht sollte also lieber darüber diskutiert werden, statt über den Aufenthaltsort gutverdienender Eltern.

In einer späteren Diskussion mit Lesern schreibt die Autorin, dass sie niemanden etwas vorschreiben möchte, sondern einen „verantwortungsvollen Umgang“ fordere. Ist das Reisen, das Kennenlernen andere Länder und Kulturen, der etwas andere Alltag, das Zusammensein mit den Liebsten nicht auch genau das?

Sie spricht sich dafür aus, dass Väter sich am Alltag beteiligen sollen. Ja, aber kann man das nicht im Ausland? Windeln müssen auch dort gewechselt werden. Ein weiteres ihrer Argumente: Männer sollten während ihrer Elternzeit die Frau unterstützen. Dazu ein Gedanke: Trotz eines Jobs kann ein Mann auch am Familienalltag teilhaben. Er kann das Kind morgens anziehen, oder bespaßen, abends ins Bett bringen oder am Wochenende Ausflüge unternehmen. Trotz Job kann ein Mann einkaufen gehen, Müll runter bringen oder die Frau entlasten, wo es nötig ist.

Lottritz schreibt dazu, dass die Frau während der Elternzeit des Mannes bereits arbeiten gehen könnte. Sei der Mann mit dem Kind alleine, könne er dieses und die Bedürfnisse besser kennen lernen.

Bindung zum Kind

Nun muss ich sagen, dass der Beste keine Elternzeit genommen hat und trotzdem sind ihm seine Kinder nicht fremd. Zudem wage ich zu behaupten, dass auch zwei Monate mit dem Kind, in dem dieses dann oft in die Kita eingewöhnt wird, keine Bindung schaffen würde, wenn sich der Vater sonst seinen Aufgaben entzieht.

Sich die Zeit zu hause nicht effektiv aufzuteilen, sondern zusammen zu genießen – als Eltern – ist genauso möglich, wie das Teilen der Betreuung.

So oder so, nicht der Familienurlaub, die gemeinsame Zeit mit den Liebsten, sollte zur Diskussion gestellt werden. Denn eigentlich geht es um andere Probleme: Die ungerechte Verteilung des Elterngeldes, der erschwerte Wiedereinstieg von Frauen in den Beruf, die erschwerte Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Oder wie seht ihr das?

Eure Jette



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