hier wird gemotzt und gel(i)ebt

„Zum Lachen muss man nicht laufen können“

Gestern im Supermarkt kam ein behinderter Junge, vielleicht zehn Jahre alt, auf mich zu, gab mir die Hand und grüßte mit einem Lächeln. Anfangs verdutzt – so offensiv wird man ja selten angesprochen – lächelte und grüßte ich (natürlich) zurück. Zwischen den Tiefkühltruhen entdeckte ich dann seine Mama, die ebenfalls lachte und rief: „Komm mal her mein Süßer. Die Leute wollen einkaufen.“ „Und ich will jeden begrüßen“, antwortete der Junge ganz selbstverständlich.

Die Szene lässt mich trotz der Banalität nicht los. Vielleicht weil Behinderte, egal ob Kinder oder Erwachsene, so selten im Alltag vertreten sind. Einmal die Woche gehe ich mit Püppi und befreundeten Müttern (wir kennen uns alle aus der Pekip-Gruppe) in die Ludothek. Ein Treffpunkt für Kinder mit und ohne Behinderung. Im Vordergrund steht dort das Spielen. Zusammen oder getrennt, neben- oder miteinander. Egal.

Ich möchte, dass Püppi Unterschiede gar nicht wahrnimmt, keine Berührungsängste entwickelt. In den zahlreichen Babygruppen, in denen wir waren, traf man jedoch keine Behinderten an. Ein Gespräch mit den Kursleitern bestätigte meinen Eindruck: Betroffene bleiben unter sich oder zu hause.

Ich weiß nicht wirklich warum mein Interesse da so groß ist, aber ich lese interessiert Artikel, Bücher und Blogs zum Thema Behinderung und Krankheiten. Mich interessiert deren Alltag, die Probleme, die Hürden, aber auch die Freuden. Vielleicht, weil ich bei beiden Kindern auf die Untersuchung der Nackenfalte verzichtet habe. Vielleicht weil Abtreibung im Falle einer Behinderung nicht infrage kommen würde. Vielleicht dachte oder denke ich, so besser vorbereitet zu sein. Zumindest in der Theorie.

Besonders liebevoll wird der Blog Sonea Sonnenschein geführt. Zum Thema Downsyndrom ging erst vor kurzem auch ein sehr bewegendes Video im Netz rum. Unbedingt angucken, aber nur mit Taschentüchern!

Als Buch möchte ich euch „Lotta Wundertüte. Unser Leben mit Bobycar und Rollstuhl“ empfehlen. Die Geschichte, geschrieben von der betroffenen Mutter selbst, dreht sich um das Wunschkind Lotta. Im neunten Schwangerschaftsmonat erfährt Autorin Sandra Roth, dass das Gehirn ihrer Tochter nicht ausreichend mit Blut versorgt wird. Das Ausmaß der Konsequenzen sind da jedoch noch nicht absehbar, genauso wenig die Masse an Arzttermin, die Rückschläge und der Behördenwahnsinn. „Lotta ist eine Wundertüte“, sagt ein Arzt. „Man weiß nie, was drin ist.“ Ohne auf die Tränendrüse zu drücken, erzählt die Mutter vom Leben mit einem behinderten Kind in einer Gesellschaft, die Behinderungen als Krankheit versteht. Immer wieder wird sie mit der Frage konfrontiert, warum sie das Kind bekommen hat. Das Buch macht Mut, beschreibt die ersten drei Lebensjahre, die nicht immer einfach, aber auch nicht nur voller Leid waren. Wie heißt es in dem Buch zu schön? „Zum Lachen muss man nicht laufen können.“

Gerührt ist man auch, wenn man den Gedanken von Jessika folgt. Das zweite Kind der 30-Jährigen ist mit einem Herzfehler zur Welt gekommen. Ein Befund, der verängstigt.

Ich möchte niemandem zu nahe treten oder gar Probleme klein reden. Aber stellenweise sind diese Geschichten „Mut-mach-Geschichten“. Die Kraft, die Liebe und die unermüdliche Lust am Leben sind beeindruckende Eigenschaften.



0 thoughts on “„Zum Lachen muss man nicht laufen können“”

  • Ich stimme Dir in allen Punkten vollkommen zu, als ich noch fest im Rollstuhl saß, hatte ich nicht weniger Freude als jetzt.
    Im Alltag und bei Unternehmungen ist man krank/behindert häufig eingeschränkt, doch man kann sich die Umwelt so zurecht machen, dass es passt.
    Wobei es tatsächlich stimmt, dass man eher zurück gezogen lebt & eher untereinander Kontakt hat. Das ist auch recht einfach erklärt, denn die Menschen um einen herum können oft nicht damit umgehen. Andere meinen alles besser zu wissen und wieder andere sind patzig, unhöflich und wenig hilfsbereit. Nich alle, doch leider die meisten auf die ich bisher getroffen bin.
    Auch was das Kind betrifft, unter Müttern geht es oft noch härter zu, was ich mir wegen Bambina schon alles anhören musste…
    Ich blogge nicht viel über die Schwierigkeiten im Alltag, denn 1. interessiert es viele nicht & 2. wird man so schnell von außen verurteilt und als schlechte Mutter hingestellt, dass ich diesenPunkt häufig außen vor lasse.

    • Danke für deine ehrliche Einschätzung! Ja, ich denke auch, dass es an der Gesellschaft liegt. Leider! Denn jeder einzelne, der auch jederzeit betroffen sein könnte, könnte es ändern.

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